Bürgerinformationssystem der Stadtverordnetenversammlung Spremberg
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Die nächsten Termine sind:
Mittwoch, 18. Januar 2012
Mittwoch, 8. Februar 2012, 17.00 Uhr, Geschäftsstelle
Mittwoch, 21. März 2012
Mittwoch, 25. April 2012
Mittwoch, 30. Mai 2012
Mittwoch, 13. Juni 2012
(Änderungen vorbehalten)
Es war zu erwarten, dass der 100. Geburtstag des märkischen Dichters in seiner Heimatstadt – und nicht nur hier – Diskussionen auslösen würde. Seit 2008 liegen neue Erkenntnisse vor zu Strittmatters Rolle im 2. Weltkrieg als Freiwilliger eines Ordnungspolizeibataillons, das später der SS unterstellt wurde. Und es wurde bekannt, dass er als Sekretär des Schriftstellerverbandes der DDR in den 50er Jahren auch Kontakte zum MfS hatte. Brüche im Lebenslauf, zu denen Strittmatter unmittelbar und offiziell bis zu seinem Lebensende keine Stellung bezog. Aber reicht das allein aus, um dem 100. Geburtstag des Dichters in seiner Heimatstadt keinerlei Gedenken zu schenken?
In der bisherigen Diskussion spielte das literarische Erbe Strittmatters kaum eine Rolle. Aber sind es nicht vor allem seine Bücher, die Strittmatter und damit auch seine Heimatstadt weit über die Grenzen unseres Landes bekannt gemacht haben? Hat er nicht in seinem gesamten literarischen Schaffen eine eindeutige Haltung zu Krieg und Gewalt bezogen, die aus seinen persönlichen Erfahrungen resultierte? Können wir „Nachgeborenen“ mit den Erkenntnissen von heute Persönlichkeiten verurteilen, ohne sie in den geschichtlichen Kontext zu stellen?
Müssen wir uns nicht fragen, wie wir mit Brüchen in Biografien umgehen – die eigene bei selbstkritischer Betrachtung eingeschlossen? Haben wir heute ein gesellschaftliches Klima, wo wir offen Fehler zugeben können, ohne in Acht und Bann zu geraten oder Spielball von Medien zu werden? Wo wir die Chance erhalten zu einem Neubeginn?
Strittmatter war zwar kein Nazi, aber ganz gewiss auch kein aktiver Gegner des Naziregimes. Er war nicht der einzige, der über seine Erlebnisse im Krieg ein Leben lang schwieg. Müssen wir uns nicht fragen, warum eine ganze Generation unserer Väter und Großväter ihre Kriegserlebnisse ins tiefste Unterbewusstsein vergrub? Und warum heute unsere Söhne traumatisiert aus Afghanistan zurück kehren?
Wer mit Strittmatters Büchern gelebt hat, die in der DDR in jeder Buchhandlung zur Bück-dich-Ware gehörten, weiß auch um das zwiespältige Verhältnis zwischen Strittmatter und der Obrigkeit. Dass der dritte Band des „Wundertäters“ so lange Zeit brauchte bis zu seiner Veröffentlichung, lag nicht an Strittmatter. Aber Strittmatter war bereits zu berühmt, als dass die Zensur seine Veröffentlichung dauerhaft verhindern konnte.
Es gibt viele Fragen, über die wir anlässlich seines Jubiläums streiten können, über sein literarisches Erbe wie auch sein Leben. Sie unter den Teppich zu kehren, wäre fatal. Unsere Fraktion hat sich deshalb von Anfang an dafür ausgesprochen, das Jubiläum nicht nur dem Strittmatter-Verein zu überlassen, sondern zu einem Anliegen zu gestalten, an dem sich die Stadt, das Gymnasium, die Bibliothek, Vereine und Bürger gleichermaßen beteiligen. Halten wir es mit einem anderen berühmten deutschen Dichter namens Brecht, der da schrieb: und sie ehrten ihn, in dem sie sich nützen.
Dr. Ilona Schulz
Fraktionsvorsitzende DIE LINKE. in der Stadtverordnetenversammlung Spremberg