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in Bund und Land

Hans Coppi spricht auf einer Antinazidemo in Halbe am 03.03.2007

Karlen Vesper - nd 26.11.2022

Nie heilende Wunde

Hans Coppi Junior wird 80

Es heißt, die Zeit heilt alle Wunden. Hans Coppi verneint. »Je älter ich werde, desto stärker wird mir bewusst, was mir die Nazis antaten, was sie mir raubten«, offenbarte er in einem Interview mit »nd«. Er will und kann seinen Frieden nicht machen mit deutscher Vergangenheit, vor allem, da sie wieder unheilvoll aus etlichen Knopflöchern von Anzugsträgern hervorlugt und aus brüllenden Mündern Reichskriegsflagge schwenkender Wutbürger herausquillt.

Seine Eltern Hans und Hilde Coppi, Funker der »Rote Kapelle«, wurden von den Nazis ermordet. Er hat sie nicht kennenlernen dürfen. Er war drei Wochen alt, als der Vater gehängt wurde und knapp acht Monate, da man die Mutter enthauptete. Im Zuchthaus Plötzensee in Berlin. Der Vater hat den Sohn nur einmal, zehn Tage vor der Hinrichtung, sehen können. Die Vollstreckung des Todesurteils gegen Hilde Coppi wurde aufgeschoben, solange sie das Baby noch stillen konnte. Ein ermarmungsloses Los, das auch andere Mütter des Widerstands gegen Hitler erlitten.

Hans wuchs bei den Großeltern auf, die es als Verpflichtung ansahen, dem Enkel so früh und so viel wie möglich über seine Eltern zu berichten. Schon als Kind musste er auftreten als »Zeuge« der Barbarei des Hitlerfaschismus. Der Junge fügte sich klaglos der ihm in der DDR zugedachten Rolle als Kind von Helden des antifaschistischen Widerstands, auch wenn er oft staunte, wie viele wildfremde Menschen seine Eltern und gar ihn bewunderten. Jahrzehnte später wird es ihm zum beruflichen Ethos, aufzuklären über die NS-Verbrechen und die mutige Opposition, stets lebensbedrohlich, ob als »stille Hilfe« für Verfolgte oder Spionage für die Alliierten.

Man kann sich vorstellen, welch Sturm der Gefühle, welche Verwunderung, Empörung und Traurigkeit ihn ergriff, als er nach der deutschen »Vereinigung« erfahren und erleben musste, wie uralte bundesrepublikanische Diffammierungen, vielfach im NS-Jargon, erneut erhoben wurden gegen den sich auch über Westeuropa erstreckenden Widerstandskreis, dem seine Eltern angehört hatten: als ein von Moskau gestricktes und gesteuertes Agentennetz, "Landesverräter". Erstaunlich, mit welch äußerer Gelassenheit und stoischer Beharrlichkeit Hans Coppi den bösartigen, von Unwissen zeugenden Vorwürfen begegnete, sie widerlegte. Er und seine Mitstreiter, darunter andere Söhne und Töchter ermordeter Antifaschisten, haben sich, unterstützt von seriösen Historikern, in der öffentlichen Wahrnehmung durchsetzen können. Was leider keine endgültige Gewähr vor einer eventuellen Wiederkehr grenzenloser Dummheit bedeutet.

Hans Coppi hatte zunächst Ökonomie studiert, war im Außenhandel tätig, promovierte 1992 an der TU Berlin, wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und Projektleiter in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Über ein Jahrzehnt war er Vorsitzender der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), sprach auf Gedenk- und Protestkundgebungen, beteiligte sich an Sitzblockaden und Demonstrationen gegen die neuen Nazis. Und er ist immer noch dabei, wenn es gilt, Gesicht zu zeigen wider Rassismus und Inhumanität.

An diesem Sonntag wird Hans Coppi Junior sich eine Atempause gönnen und im Kreise der Familie und Freunde seinen 80. Geburtstag feiern.


Frieden erreichen

Helmut Scholz - THE LEFT

„... Ich habe in meinen Newslettern in den vergangenen Monaten immer wieder darauf hingewiesen: Nichts rechtfertigt den vom russischen Präsidenten Putin befohlenen Angriff auf die Ukraine. Der 24. Februar 2022 hat alle Vorgeschichte des Konflikts brutal beendet. Das Unvermögen, bzw. die Nichtbereitschaft aller politisch Verantwortlichen nach 1989 ernsthaft eine neue sicherheitspolitische Gesamtstruktur auf dem europäischen Kontinent zu schaffen und real zu bauen gehört zu dieser Vorgeschichte ebenso wie die Fortsetzung des Denkens in Einflusszonen und der Negierung des Rechts von Völkern auf eine souveräne selbständige Entwicklung. Und so eskalieren jetzt mehr und mehr die Spannungen und es wird immer deutlicher, dass nach Kriegsbeginn praktisch keinerlei wirkliche Anstrengungen unternommen wurden, das Blutvergießen auf dem Verhandlungsweg zu beenden. Denn richtig ist wohl die Einschätzung Julian Nida-Rümelins (HÖREN anklicken), dass der Ukraine-Krieg in einem größeren geopolitischen Kontext steht, den man nicht ausblenden darf, wenn ein realistisches Bild der Konfliktlage gewonnen werden soll und damit auch ein Perspektivwechsel, wie ein künftiger Frieden erreicht werden könnte ...“mehr