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Logos von Google, Uber, Amazon, Facebook, Airbnb an einer Kette mit Kugel. Fragezeichen auf der Kugel.

Corona und die Rückkehr der Planwirtschaft.

Oder: Wer stoppt den Plattformkapitalismus?

Es braucht Regeln, damit weiterhin Kinos, Taxis, kleine Läden und vieles andere unseren Alltag bereichern.

Ein kurzer Rückblick an den Beginn der Corona-Pandemie in Europa und Nordamerika:
Netflix drosselte die Bildqualität in Europa um 25 Prozent, damit das Internet nicht zusammenbricht, während viele Menschen im Homeoffice arbeiten.
Amazon kündigte an, Bücher, CD ́s, etc. nur verzögert auszuliefern. Oberste Priorität lag bei der Zustellung von Lebensmitteln und anderen Bedarfsmitteln, wie beispielsweise Toilettenpapier.

Waren das sinnvolle Einschränkungen der Marktteilnehmer oder die Rückkehr der Planwirtschaft?
Die Frage lässt sich leicht beantworten. Die Güter oder Dienstleistungen, die an Produzenten und Konsumenten verteilt werden, wurden nicht von einer zentralen staatlichen Stelle gesteuert. Statt dessen entscheidet jetzt eben ein Unternehmen, was wichtiger ist und liefert entsprechend. Doch zur Planwirtschaft fehlt selbstverständlich noch ein entscheidender Aspekt. Ich kann mein Buch schließlich in einem Laden kaufen und damit Amazon und seiner Priorisierung entgehen. Außerdem gehört zu einer Planwirtschaft nicht nur ein Produkt „Buch“, sondern die Kontrolle über alle Produkte und Dienstleistungen.

Das führt uns zur aktuellen „Corona-Krise“ und den Gewinnern der Pandemie.
Zu diesen gehört auch Amazon. Dessen Chef, Jeff Bezos, konnte sein Vermögen weiter erhöhen. Vom Forbes-Magazin wird es nun auf 179 Milliarden Dollar geschätzt. Mit diesem Krisengewinn ist Bezos kein Einzelfall, denn zusammengerechnet stieg das Vermögen zum Beispiel der 400 reichsten US-Amerikaner gegenüber dem Vorjahr um 250 Milliarden auf einen Rekordwert von 3,2 Billionen Dollar. Das Sprichwort: Wer hoch fliegt, fällt tief, scheint für die Superreichen dieser Gesellschaft nicht zuzutreffen. Menschen auf der ganzen Welt sind in Kurzarbeit, haben ihren Job verloren, leben von der Hand in den Mund, Einzelhändler oder Kulturschaffende bangen um ihre Zukunft. – Aber das Vermögen Anderer steigt auf ein Rekordhoch. Wie kann das sein?

Ein Grund ist der sogenannte Plattformkapitalismus.
Wikipedia beschreibt ihn so: „Der Plattformkapitalismus bezeichnet eine neue digitale Wirtschaftsordnung, in der Plattformen als Mittelsmänner Angebot und Nachfrage am Markt zusammenführen. Sie kontrollieren den Zugang zu Gütern und die Prozesse des jeweiligen Geschäftsmodells.“ Zu diesen Plattformkapitalisten gehören beispielsweise Unternehmen wie Google, Facebook, Amazon, Uber oder Airbnb. Diese Unternehmen sind Plattformen, die selbst nichts produzieren oder besitzen. Sie vermitteln Aufträge wie Bestellungen, Privatwohnungen für Übernachtungen oder Fahrgäste.

Der Erfolg von Plattformen gründet sich darauf, dass sie keine „freien Märkte“ mehr sind, sondern eine Monopolstellung einnehmen. In ihrem Podcast „Wohlstand für Alle“ vergleichen Wolfgang M. Schmitt und Ole Nymoen den „freien Markt“ mit einem Wochenmarkt. Die Konsumenten kaufen dort an dem Stand ein, der für sie das beste Angebot hat. Der Plattformkapitalist wäre hier nicht einer der Stände, sondern der ganze Markt, der auf seinem Grund und Boden ausgerichtet wird. Dies bedeutet vor allem, dass er die Regeln auf diesem Markt bestimmt. Sollten einem Händler die Regeln auf dem Markt nicht passen, kann er selbstredend auf einen anderen Markt gehen und dort seine Waren anbieten. Aber so einfach ist das nicht, wenn man seine Kunden nur noch auf dem Markt des Monopolisten erreicht. Ein Beispiel verdeutlicht dies anschaulich: Wenn der Entwickler einer APP die Regeln und Gebühren (30 Prozent des Verkaufspreises!) des Apple Stores nicht akzeptieren möchte,  braucht er seine App dort nicht anzubieten. Aber wenn er sie dort nicht anbietet – ist sie woanders überhaupt noch rentabel? Gleiches gilt für den Amazon Marketplace. Wer sein Produkt dort anbieten möchte, verhandelt mit Amazon die Provision individuell (bis zu 45 Prozent!). Die Regeln und Gebühren kann der Anbieter selbstverständlich jederzeit ändern. Durch seine Monopolstellung aber kann er den Händlern seine Bedingungen aufzwingen.

Ein aktuelles Beispiel aus der Filmbranche:
Der „Mulan“ von Disney wurde als Kinofilm angekündigt. Kinobetreiber haben bereits dafür geworben. Durch die Corona-Pandemie hat der Konzern beschlossen, den Film nicht in die Kinos zu bringen, sondern ihn auf dem eigenen Streamingdienst „Disney+“ anzubieten. Ein kleinerer Anbieter von Filmen dürfte bei solchen Geschäftsgebaren künftig Probleme haben, einen Film in die Kinos zu bekommen, aber ein Boykott von Filmen des Disneykonzerns würde wohl mit finanziellem Selbstmord enden. Man kann sagen: Auf den Plattformen endet der (Neo-)Liberalismus. „Freie Märkte“ gibt es nicht, sie gehören einzelnen Unternehmen. Bleibt die Frage: Wer stoppt den Plattformkapitalismus oder sollte man ihn überhaupt stoppen?

Man kann die Zeit nicht zurückdrehen.
Plattformen bündeln verschiedene Händler an einem Ort und schaffen eine gewisse Übersichtlichkeit für den Verbraucher.

Aber sie müssen künftig demokratisch kontrolliert und Regeln unterworfen werden.
Gerade jetzt, in der Krise, müssten diese Regeln geschaffen werden, denn „jedes Kino, das stirbt, hilft den großen Streaming-Plattformen, jeder Taxiunternehmer, der pleitegeht hilft Uber und von jedem insolventen Modegeschäft profitiert Zalando,“ so Ole Nymoen. Der wahre Aufstieg des Plattformkapitalismus ist gerade im vollen Gange.

Matthias Holz
Stadtverordneter Bernau

 


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